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Klang und Schmaus im Gotteshaus - 9. Juli 2011

 

(fe) Die altehrwürdige St. Georgskirche hat in ihrer über 500-jährigen Geschichte wahrlich schon viel erlebt. Was sich aber am Vorabend des Gemeindefestes der evangelischen Kirchengemeinde unter dem Titel „Swingend in die Nacht – Klang und Schmaus im Gotteshaus“ dort abspielte, setzte selbst diejenigen „eingefleischten“ Nördlinger in Staunen, die „ihre“ Kirche genau zu kennen glaubten.

 

Alles war an diesem Abend anders: Statt der üblichen Kirchenbeleuchtung waren einige Säulen und Teile des Gewölbe teils in warmes, teils in geheimnisvoll-blau-violettes Licht getaucht. Die Orgeln wurden mit wechselnden Farben angestrahlt und die Akteure mittels Scheinwerfern ins rechte Licht gerückt.  Je dunkler es draußen wurde, desto deutlicher kam die Wirkung dieser besonderen Beleuchtung zum Tragen. Allein das Farbenspiel war schon ein Erlebnis. Doch das nur nebenbei, jetzt zum Eigentlichen:

 

Die vier musizierenden Gruppen des Abends hatten sich an verschiedenen Stellen in der Kirche platziert: der große, über dreißigköpfige Posaunenchor unter der Leitung von Ute Baierlein (die Bläser von St. Georg musizierten an diesem Wochenende zusammen mit dem Welser Posaunenchor) im rechten Seitenschiff oberhalb der Stufen zum Chorraum, der Sing@Life-Gospelchor mit seiner Band und die Kinderkantorei unter der Leitung von KMD Udo Knauer auf einem Podest gegenüber der Seitenorgel und das „H2F.Trio“, bestehend aus Bernd Fischer (Saxophon), Christoph Heinrich (E-Piano) und Thomas Höpfner (Schlagzeug) in der Zieglerkapelle im nördlichen Seitenschiff. So war die Mittelachse der Kirche und damit der Blick zum Hochaltar freigehalten.

 

Knauer machte es bereits in seiner Begrüßung klar: „Wer an diesem Abend in der Kirchenbank sitzen bleibt, wird nicht viel sehen“, und das sei Absicht. Er lud ein, sich die Musizierenden aus der Nähe anzuhören und an den im ganzen Schiff aufgebauten, mit Kerzen einladend gestalteten Stehtischen zu verweilen und das kulinarische Angebot zu nutzen. Besonders die vielen Kinder machten es in ihrer ungezwungenen Art den Erwachsenen vor. Sie nutzten ausgiebig die Möglichkeit, den Ausführenden ganz nahe zu sein oder ihnen sogar über die Schulter zu schauen. Kann Musik-Erleben intensiver sein?

 

Doch auch das überaus zahlreich erschienene erwachsene Publikum legte die anfängliche Scheu schnell ab und versorgte sich an der im hinteren Bereich der Kirche aufgebauten und von der Evangelischen Gemeindejugend hervorragend betreuten Theke mit Wein oder Wasser und der schlichten angebotenen Käse-Weißbrot-Mahlzeit, die es wahlweise mit Trauben oder Oliven gab. Dann erwanderten sich die ZuhörerInnen – und auch die Mitwirkenden, die gerade Pause hatten - den Kirchenraum, stellten oder setzten sich zu den einzelnen musizierenden Gruppen oder verweilten in kleinen Gruppen im Gespräch an den Tischen. Das Ganze hatte etwas von einem ungezwungenen Open-Air an einem lauen Sommerabend, nur dass der Nachthimmel gegen ein hohes spätgotisches Gewölbe eingetauscht worden war.

 

Trotz der bestechenden Eindrücke für Auge und Gaumen verkümmerte die Musik nicht zum Beiwerk. Vielmehr entfachten die Musizierenden ein knapp zweieinhalb Stunden dauerndes Feuerwerk in einer ununterbrochenen Folge von Musikstücken von der Klassik bis zum Pop. Mitreißendes und Erholsames wechselte sich ab, die Zeit verging wie im Flug.

 

Der Posaunenchor ließ nicht nur seine Instrumente im dezenten Scheinwerferlicht golden glänzen sondern glänzte auch mit präzisen Rhythmen und groovigem Swing bei Spirituals&Co. wie „One more try“ oder Put your hand in the hand“ und mit weichem Ton bei einer Mendelssohn-Adaption oder bei Pop-Balladen und entfaltete seine ganze Klangpracht bei der berühmten „Highland Cathedral“, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Die professionell spielende Gruppe H2F.Trio nutze die Intimität der Ziegler-Kapelle und der um sie herum gruppierten Bänke gleichermaßen für filigrane Umsetzungen von Stücken des norwegischen Jazz-Saxophonisten Garbarek wie für Rock-Pop-inspirierte Improvisationen über den Choral „O Welt, ich muss dich lassen“ und ließ dabei so etwas wie eine Lounge-Atmosphäre entstehen.

 

Die in farbenfrohe T-Shirts gewandete und fröhlich agierende Kinderkantorei beeindruckte mit ein- und mehrstimmig gesungenen Liedern und Kanons, darunter Höhepunkte aus dem letzten Kindermusical, teilweise begleitet von der Sing@Life-Band, bestehend aus Burkhard Hock (Trompete), Peter Hoenke-Eisenbarth (Klarinette und Saxophon), Veronika Eisenbarth und Udo Knauer (Klavier), Christian Stapff (Schlagzeug) und Holger Havlin (Bass).

Der Sing@Life Gospelchor bot paar seiner „Best of“ der Konzerte der letzten Jahre und überzeugte sein Publikum - nicht zuletzt auch dank der ausgezeichnet disponierten Solist/innen im Chor – mit Reißern wie „Beacon of love“, „In this house“ oder „I will follow him“ , oder einfühlsamen Balladen wie  „He will never stop loving me“. Aus dem Publikum heraus mischte er sich wie zufällig in einen Kanon der Kinderkantorei ein oder stimmte den Spiritual „Somebodys knoching“ an, den wiederum Posaunenchor und später die Kinderkantorei beantworteten. Höhepunkt dieses Miteinanders war die gemeinsame Interpretation von „When the saints“ von Gospelchor, Kinderkantorei und Band.

 

Das Experiment „Klang und Schmaus im Gotteshaus“ kann man nur als gelungen bezeichnen, das Konzept der Initiatoren ging auf – bis auf einen Punkt: „Kommen und gehen jederzeit möglich“ hieß es in einer Ankündigung. Doch wer einmal gekommen war, konnte sich nur schwer der bezaubernden, zum Verweilen einladenden Atmosphäre des Abends entziehen. Und wer eine Antenne dafür hat, mag gespürt haben, wie der Geist Gottes in diesem harmonischen Mit- und Ineinander geweht hat.

 

Selbst bei dem abschließenden Nachtgebet um 22 Uhr am Hochaltar, das in der eher strengen Form der Komplet gestaltet wurde, waren immer noch über 200 Besucher da, sangen die liturgischen Gesänge mit, die von Pfr. Reuter und Kantor Knauer angeleitet wurden, und kamen bei den Renaissance-Motetten des achtköpfigen Ensemble Lasso-Projekt unter der Leitung von Christian Möwes zur Ruhe: Ein stiller Ausklang eines wunderbaren Abends, der seinesgleichen sucht und nach Wiederholung ruft!